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Artikel-Schlagworte: „S-Bahn“

18. Februar 2011

Zeit für etwas Gutes.

Freitag ist beim Millionentausch Gastblogger-Tag. Deswegen kann ich jetzt sagen… Millionentausch proudly presents an diesem Freitag: Ada Maria. Sie ist bekennender Millionentausch-Fan und eine chronische Weltverbesserin. Normalerweise bloggt sie gar nicht, sie schriebt lieber Kurzgeschichten. Und statt Tastatur und Touchscreen schwört sie auf Tinte auf Papier. Hier ist ihr Gastbeitrag, viel Spaß beim Lesen:


Als ich bis vor einiger Zeit in Hamburg gelebt habe, fuhr ich jeden Tag mit der S1 Richtung Poppenbüttel zur Arbeit. Unmengen von Menschen drängten sich in die Bahn, stiegen ein, stiegen wieder aus und verschwanden für immer in der Anonymität dieser großen Stadt. Und dann, eines Morgens, entdeckte ich IHN. Er war klein und hager und seine schmutzige, abgetragene Kleidung ließ erkennen, dass er obdachlos war. Obwohl es schon recht warm war, trug er eine dicke Wollmütze, die ihm bis in die Augen rutschte und die nur von der viel zu großen Brille gehalten wurde, die er auf seiner hervorstechenden Nase trug. Seine Hand hielt eine große Plastiktüte. Er umklammerte sie fest, so als sei sie sein wichtigstes Gut. Ich sah von der Zeitung auf, stellte meinen MP3- Player leise und beobachtete diesen Mann, dessen Alter ich auf Ende Vierzig schätzte. Sein Blick war gesenkt. Vorsichtig schob er sich durch den Waggon, stets darauf bedacht, möglichst niemanden zu berühren. Er arbeitete sich vor. Ganz langsam. Und blickte sich genau um. Und wenn er irgendwo eine weggeworfene Pfandflasche entdeckte, lächelte er und steckte sie in die große Plastiktüte. Er war bei weitem nicht der einzige Mensch dieser Art. In Hamburg sieht man sie Tag für Tag in großen Scharen. Doch dieser Mann erregte meine Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu vielen anderen war er nicht betrunken. Und seine Mühe, nicht aufzufallen und sich vorsichtig durch den Waggon zu bewegen, fast wie ein Schatten, war bemerkenswert. Die Bahn hielt und so schnell und unauffällig wie er gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder. Ich lehnte mich zurück, las weiter meine Zeitung und erspürte in meiner Tasche, die auf meinem Schoß lag, die große Flasche Wasser, die ich zuvor im Supermarkt gekauft hatte. Und meine Gedanken verweilten einen Augenblick bei dem Mann.

Als ich am nächsten Morgen abermals in der Bahn saß, sah ich ihn wieder. Er schaute auf den Boden und bewegte sich langsam durch den Waggon. Ich sah ihm zu. Und als er vor mir stand, zurückhaltend den Mülleimer öffnete, um nach Flaschen zu suchen, sprach ich ihn an. „Entschuldigen Sie“ sagte ich und er schreckte hoch. Seine dunklen Augen, die ich jetzt zum ersten Mal sehen konnten, wirkten verängstigt, und es tat mir sofort Leid. Ich lächelte „Sagen Sie, suchen Sie nach Pfandflaschen?“ fragte ich und der Mann nickte. Ganz leicht. So dass man genau hinsehen musste, um es zu erkennen. „Ich habe etwas für Sie“ sagte ich und öffnete meine Tasche. Ich reichte dem Mann die Wasserflasche und erklärte „Es ist noch ein Schluck Wasser darin. Sie können ihn ausschütten und die Flasche behalten“. Er wirkte verunsichert, nickte mir schließlich zu und nahm die Flasche an sich. Wortlos. An der nächsten Haltestelle stieg er aus, um den Waggon zu wechseln. Ich drehte mich um, sah ihm nach und im nächsten Augenblick raste mein Herz. Denn der Mann öffnete die Flasche, lächelte und nahm dann einen tiefen Schluck des Wassers, das noch in der Flasche war. Und in diesem Augenblick wurde mir klar, dass dieser Wasserrest für ihn wohl der erste Schluck sauberen Wassers dieses Tages, wenn nicht sogar von Tagen gewesen ist. Und in diesem Moment wusste ich, dass ich etwas tun musste, und dass ich etwas tun würde.

Von nun an kaufte ich jeden Tag eine große Flasche Wasser für den Mann. Und ich lernte schnell, dass ich zunächst etwas Wasser daraus entnehmen musste, denn sein Stolz ließ es nicht zu, eine neue, noch volle Flasche, anzunehmen. Außerdem sammelte ich zu Hause und in der Arbeit Flaschen, die ich ihm mitbrachte. Nach einigen Wochen gewöhnte er sich scheinbar daran. Hin und wieder blickte er sogar auf, wenn er mich sah, sagte leise „Hallo“ und nahm die Flaschen entgegen. Und irgendwann lächelte ich ihn an, hielt ihm meine Hand hin und sagte „Ich heiße übrigens Ada“. Der Mann nickte freundlich, nahm wie immer die Flaschen an, reichte mir seine Hand jedoch nicht und blieb still in seiner Anonymität. So ging es viele, viele Wochen. Wir sahen uns fast täglich. In der Zwischenzeit hatte es privat bei mir einige Veränderungen gegeben und ich wusste, dass ich Hamburg verlassen würde, um im fernen NRW eine Stelle anzutreten. Und so saß ich am letzten Tag in der S1 und hoffte, meinen Bekannten wiederzusehen. Und als er einstieg, freute es mich. Er kam auf mich zu. Ich gab ihm eine Tüte mit Flaschen und sagte dann „Ich möchte mich heute von Ihnen verabschieden“. Er zögerte, und ich war gespannt auf seine Reaktion. Und dann sah er mich an und fragte „Wieso?“ Ich erklärte ihm, dass ich fortgehen würde, und plötzlich setzte er sich mir gegenüber auf die Bank. Er ignorierte, dass die Bahn bereits hielt. Er bleib einfach sitzen und wir sahen uns an. Und dann lächelte er, wischte seine schmutzige Hand an seiner abgetragenen Jacke ab und hielt sie mir hin. Ich ergriff sie. Sie war kühl und rau. Und der Mann sagte „Danke Ada!“ Ich schluckte. „Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben. Und Danke dafür, dass Sie mich gesehen haben. Und mit mir gesprochen haben, wie mit einem Menschen.“ In mir drehte sich alles. Es rührte mich und ich konnte sehen, dass auch er gegen Tränen kämpfte. Und dann sagte er „Ich wünsche Ihnen nur das Beste für Ihr Leben. Alles Gute!“ Er stand auf und verließ den Waggon beim nächsten Halt. Und als die Bahn abfuhr, hob er seine Hand zum Gruß.

Und ich? Ich lächelte. Denn ich wusste, dass ich mit wenig Aufwand Spuren in einem Menschen hinterlassen hatte, so wie dieser Mensch sie in mir hinterlassen hatte.

Wieso ich euch diese Geschichte erzähle? Weil ich glaube, dass der Millionentausch etwas Ähnliches versucht. Mit viel Einsatz, Engagement und Herzblut versuchen Roman und Co. Spuren zu hinterlassen und Menschen dazu zu bewegen, an ihrem Projekt teilzunehmen. Immer mit dem Ziel, das Leben anderer ein kleines bisschen besser zu machen. Und jeder von euch hat die Chance, mit ein wenig Aufwand, zum Erfolg des Projektes beizutragen. Macht den Millionentausch im Internet bekannt! Twittert und bloggt darüber und fragt doch mal den einen oder anderen, ob er nicht vielleicht bereit wäre, zu tauschen. Für den guten Zweck! Hätte ich an jenem ersten Morgen in der S1 den MP3- Player laut aufgedreht und den Blick nicht von der Zeitung abgewendet, wäre mir eine Chance entgangen, etwas wirklich Gutes zu tun. Die Zeitung jenes Morgens war übrigens „Die Zeit“. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann wird mir klar, dass wir uns alle hin und wieder mehr ZEIT dafür nehmen sollten, um etwas GUTES zu tun. Und vielleicht könnt ihr genau jetzt damit beginnen!!! Hier, beim Millionentausch.